Sonntag, 28. August 2011

Wenn einer eine Reise tut …


 Heute wollten wir in den Norden fahren. Leider hat die Reservierung am Wochenende nicht geklappt. Aber wir haben noche ein Eisen im Feuer. Georges hat über eine Bakannte versucht noch Karten für die erste Klasse zu bekommen. Normalerweise empfiehlt sich für die 14 stündige Nachtfahrt der Schlafwagen, aber das Kontingent ist begrenzt und sehr begehrt. Auch für diese Karten werde wir allerdings mehrfach vertröstet.Letzte Abmachung: Ruft um 15:30 Uhr nochmal an (der Zug fährt um 18:00 Uhr). Es klappt. Jetzt haben wir ein neues Problem. Damit hatten wir in unserem allemannischen Weltbild nicht wirklich gerechnet und wir sitzen in einem Restaurant am anderen Ende von Yaoundé. Wir haben also noch 2,5 Stunden Zeit die Karten abzuholen und in Damas unsere Sachen zu packen. Allein für die Taxifahrten braucht man zusammen mehr als zwei Stunden. Wir teilen uns also auf. Daniela holt die Karten und Proviant, ich fahre nach Damas und packe. Als ich zu Hause ankomme bleiben mir noch 45 min zum Packen. Keine leichte Aufgabe, denn alles ist durcheinander und die Isomatten liegen aufgeblasen unter unserem Bettlaken um die weiche Matratze etwas zu verbessern. Es wird hektisch gegen Ende und ich bin überzeugt die Hälfte vergessen zu haben – aber mir bleibt keine Wahl. J.C. – unser Taxifahrer wartet  und drängt bereits. Bei der Fahrt drückt er ordentlich auf die Tube – jedenfalls dort wo es die Schlaglochlage zulässt. Es ist seltsam mit Zeitdruck im Nacken in Schritttempo durch die Straßen von Damas zu rumpeln, um dann auf 30 Metern guter Straße auf fast 50 km/h zu beschleunigen, danach Vollbremsung und wieder in Schrittgeschwindigkeit ins nächste Schlagloch.   

Kurz vor 18:00 Uhr erreichen wir den Bahnhof. Unterwegs sind mir alle Dinge eingefallen, die ich vergessen habe – z.B. die dünne kurze Hose, die für den heißen Norden bestens geeignet gewesen wäre. Aber es bleibt keine Zeit zum Lamentieren, wir müssen in den Zug, denn der fährt angeblich pünktlich um 18:00 Uhr ab. Wir finden schnell unsere Plätze und freuen uns über unseren Zweiersitz mit angenehmer Beinfreiheit und Privatsphäre. Nach 10 Minuten werden wir darauf aufmerksam gemacht, dass wir falsch sitzen. Wir ziehen um in die 4er Sitzgruppe, in der die Rückenlehnen sich nicht klappen lassen. Gegen 19:00 –also fast pünktlich – setzt sich der Zug mit einem gewaltigen Ruck in Bewegung. Es ist dunkel und wir sehen leider nichts von der Landschaft. Bei jedem Halt werden uns alle möglichen Waren durch die Fenster angeboten. Viele Einheimische decken sich mit Bobolos ein, fermentierter und anschließend gekochter Maniokbrei, der in ein Palmblatt eingewickelt wie eine grüne Wurst aussieht. Das Zeug riecht ein wenig wie ranziger Käse und der Geruch macht sich im Wagon breit. Aber uns es nicht mehr wie in der Anfangszeit hier in Kamerun. Es ist mittlerweile so normal wie Hartgekochte Eier im Bus in Europa. Nach fünf Stopps halten wir um 1:00 Uhr nachts erneut. Es wird ein längerer Aufenthalt – scheinbar … Um 1:30 frage ich unseren Gegenüber mal nach dem Grund. Er antwortet auf Deutsch. Er heißt Thierry und hat 7 Jahre Informatik in Freiburg studiert. Er freut sich über die seltene Gelegenheit mal wieder deutsch sprechen zu können. Was er sagt stimmt mich allerdings nicht so freudig, denn er erzählt dass vor uns ein Güterzug entgleist ist und die eingleisige Strecke, die übrigens noch von den Deutschen vor dem ersten Weltkrieg gebaut wurde muss erst geräumt werden. Vor dem frühen Morgen geht da wohl nichts. Daniela bekommt davon nichts mit, denn sie ist eingeschlafen. Um sie mit unserer Unterhaltung nicht weiter zu stören erkunden Thierry und ich erstmal den Bahnhof und die nähere Umgebung.  Natürlich findet sich wie überall in Kamerun schnell eine Bar mit genügend Kaltgetränken und einige andere Zugpassagiere sind hier schon eingekehrt. Wir tun es ihnen gleich und trinken Bier und quatschen. Kurz nach fünf Uhr morgens machen wir uns auf den Rückweg zum Zug und ich hoffe dort noch ein wenig Schlaf zu bekommen, denn es wird bereits hell. Ich erkläre Daniela unsere Lage und wir entscheiden uns draußen auf dem Bahnsteig ab einer etwas abgelegenen Stelle unsere Isomatten auszubreiten. Wir wollen noch etwas schlafen, denn nach wie vor ist es unklar, wann es weitergeht. Ich schlafe tief und hätte die Weiterfahrt glatt verpennt. Zum Glück hat Daniela die Durchsage gehört. Jetzt geht es nach Stunden der Lethargie plötzlich schnell und wir müssen hastig unsere Siebensachen zusammenklauben. Kaum sind wir im Zug setzt sich dieser wieder mit einem Ruck in Bewegung. Mit acht Stunden Verspätung geht’s jetzt weiter. Einen Vorteil hat die Verzögerung jedenfalls: Es ist hell und wir könne die Landschaft genießen. Kleine Dörfer ziehen am Fenster vorbei und meistens winken die Menschen. Wie sehen, wie sich langsam die Vegetation ändert. Der dichte Urwald des Südens geht in eine Savannenlandschaft über. Jetzt in der Regenzeit ist alles von hohem Gras bedeckt, aus dem einzelnen Bäume ragen. Spannend wird es nochmal als wir die Stelle der Entgleisung passieren. Wir fahren Schritttempo und alle Passagiere drängen an die Fenster. Die verunglückten Güterwagons liegen noch neben der Strecke, ebenso wie ein paar Bahnschwellen, die ausgetauscht wurden. Die große Aufmerksamkeit, die die Szenerie erregt beruhigt uns – auch in Kamerun scheint eine Zugentgleisung nicht alltäglich zu sein. Das bestätigt auch Thierry. 

Am Nachmittag erreichen wir Ngaoundere. Von hier aus müssen wir mit dem Bus weiter nach Maroua. Ein Ticket haben wir auf Empfehlung der Franzosen im Projekt schon im Zug gekauft. Leider nicht von der Empfohlenen Agence, aber das wird hoffentlich keinen großen Unterschied machen. Wir reisen mit Woila Voyages und wollen auf den Rat von Thierry hin versuchen über das Busunternahmen an Zugfahrkarten für die Rückfahrt zu kommen. Nach den Querelen bei der Hinfahrt sind wir dankbar für den Tipp und kopieren für „Washington“ einen Mitarbeiter von Woila unsere Ausweise für die Ticketreservierung. Drei Tage vor der Rückreise können wir dann telefonisch erfragen ob alles geklappt hat. Dann geht’s los mit dem Bus. Wir merken schnell, dass unsere Wahl des Busses doch nicht so glücklich war, denn schon auf den ersten Kilometern werden wir bestimmt von drei großen Europäischen Bussen, von „Touristik Express“ überholt. Unser Bus ist ein kleinerer Toyota, wie sie hier meist eingesetzt werden und vergleichsweise eng. Außerdem ist unser Fahrer eher der gemütliche Typ und hat überdies die Angewohnheit bei Schlaglochstrecke in Manier englischer Torhüter beim Elfmeterschießen sich immer für sie falsche Seite zu entscheiden. So rumpeln wir durch die Landschaft, während wir regelmäßig von Touristik Express Luxuslinern überholt werden. Uns tut nach 24 Stunden Fahrt schon der Hintern weh und wir begrüßen die Pause bei Sonnenuntergang. Unser Fahrer ist, wie der Mehrheit der Bevölkerung im Norden Moslem und will Beten. Viele Mitreisende decken sich mit Verpflegung auf dem nahen Markt ein, denn bald darf endlich gegessen werden – es ist ja Ramadan. Weiter geht’s, doch nach kurzer Zeit beginnen wieder die Schmerzen im Hinterteil. Keine Gewichtsverlagerung, keine noch so innovative Sitzposition verschafft für längere Zeit Linderung und so hibbeln wir auf der Sitzbank herum und bedanken uns innerlich für jedes mitgenommene Schlagloch.
Nach Mitternacht kommen wir in Maroua an. Über 30 Stunden nach unserer Abfahrt. Wir wollen jetzt nur noch ins Hotel und schlafen. Wir haben auf der Fahrt die drei Seiten im Reiseführer über Maroua rauf und runtergelesen und uns gewissenhaft aus der Liste der aufgeführten Hotels unseren Favoriten ausgesucht. Wir versuchen also ein Taxi zu ergattern, aber beim Bus warten nur Mototaxis. Auf unsere Frage bestätigt man uns, dass es keine Auto Taxis gibt – oder nur eine Handvoll und die muss man vorbestellen. Also schwingen wir uns beide wohl oder übel auf ein Moto.  Einer der Rucksäcke liegt vorne auf dem Tank, den anderen habe ich auf dem Rücken und sitzte hinten, Daniela in der Mitte. Der Fahrer sagt es sei nicht weit und es geht los. Nach kurzer Fahrt sind wir da – allerdings beim falschen Hotel. Das sei ebenfalls gut und wir sollten doch erstmal schauen. Uns ist so langsam der Spaß vergangen und der anfängliche Verdacht, dass wir es mit einer handfesten Pechsträhne zu tun habe erhärtet sich minütlich. Wir haben nicht mehr viel Energie zum Diskutieren und schauen uns das dreckige Zimmer an. Wenigstens ist es nicht so teuer und für eine Nacht wird’s wohl reichen – morgen wollen wir uns was anderes suchen. Jedenfalls haben wir keine Lust uns nochmal auf das Motorrad zu setzen und bleiben da. Während wir uns bettfertig machen fängt es an zu regen und ein satter Strahl Wasser kommt aus der Decke. Zum Glück nur im Bad, allerdings genau auf die Klobrille. Hoffentlich muss ich heut Nacht nicht …

Am nächsten Tag ziehen wir um. Ins Porte Mayo, ein gutes Hotel vor Ort, denn wir müssen uns noch von der Fahrt erholen. Die kleien Rundhütten sind gut ausgestattet und die Einrichtung funktioniert. Es gibt sogar warmes Wasser! Die erste heiße Dusche seit sieben Wochen! Wir sind zufrieden. Und setzen uns in den schönen Garten. Organisatoren für die üblichen Touristenattraktionen sprechen uns an, akzeptieren aber unsere Bitte uns erstmal ein wenig Ruhe zu gönnen. Später verhandeln wir dann zäh um die Preise für eine Tour durch den Waza Nationalpark und eine geführte mehrtägige Treckingtour in Rhumsiki. Beides wird hier im Blog verlinkt sein, sobald ich alles hochgeladen habe.

Wir beide mit Said. Ein Freund von Ascovime und ein toller Mensch - und Linienrichter beim letzten Kameruner Pokalfinale. Später mehr von ihm.

Froh ein Bett im Schlafwagen erhalten zu haben. Sehr gemütlich verglichen mir det Hinfahrt. Daumen hoch!

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass die Rückfahrt nicht weniger abenteuerlich war. Zwar ist es uns mit Thierrys Hilfe gelungen telefonisch über Washington und den Chef von Woila Voyages, der das Geld für uns vorgestreckt hat an die heißbegehrten Schlafwagentickets für die Rückfahrt zu kommen, allerdings ist uns im Bus von Maroua nach Ngaoundere (diesmal mit Touristik Express) ein Reifen gleplatzt und wir sind mit ziemlicher Verspätung am Bahnhof angekommen. Dann hatten wir wieder eine der „seltenen“ Zugentgleisungen auf der Strecke vor uns kurz vor Yaounde. Diesmal wurden direkt Busse bestellt um die Fahrgäste ans Ziel zu bringen – allerdings zu wenig und deshalb wurde ordentlich gestopft. Dann hatten wir natürlich den Bus, bei dem der Reifen platzt. Diesmal haben wir auch wieder über 30 Stunden für die Rückreise gebraucht – wir haben vielleicht ein Glück!
Na ja, wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben …
In diesem Sinne ein schöne Woche und bis bald! Wir freuen uns übrigens immer über Neuigkeiten, Emails oder einfach nur Grüße aus der Heimat!
Daniela & Sven

3 Kommentare:

  1. Hi Sven,
    ich hab grad mal einiges nachgeholt und die bisherigen Berichte eurer Reise gelesen. Unglaublich fesselnd, deine Geschichten zu verfolgen! :) Da ich ja vor kurzem erst in Bolivien und Peru war kommt mir einiges bekannt vor... Afrika ist aber noch krasser! Echt cool, dass ihr in dem Projekt mitwirken könnt. Eine Beschäftigung hat mir manchmal bei meinem Trip gefehlt.
    Ganz viel Spaß noch bei eurem Abenteuer, ich freu mich schon auf die nächsten Berichte!
    Viele Grüße aus Köln, Stefan

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  2. Hallo, ihr zwei Weltenbummler,
    ganz liebe Grüße aus der Heimat.
    Hier macht sich nach mehreren Wochen der Vorbereitung der Herbst nachhaltig bereit, um sich ordentlich festzusetzen.
    Und ein ganz begeistertes DAUMEN HOCH für Dein unglaublich prächtiges Beinkleid!

    Paßt schön auf euch auf.

    Grit

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  3. Hallo Sven,

    schön zu lesen von Dir.
    In Deinem Eingangspostig scheibst wenn einer eine Reise tu...
    und ich möchte nun hinzufügen.
    ....da kann er damit eine Webseite erstellen!
    Schön daß es euch beiden gut geht und vor allem,
    daß es euch gefällt.
    Vor allem stelle noch mehr Bilder und schreib ruhig noch ein wenig.
    Nicht daß ich neugierig bin, ich muß nur alles wissen.

    gruß Heinz

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