Aufbruch am morgen
Es geht früh los. Wir sind um 8:00 Uhr an der Straße oberhalb unseres Hauses verabredet. Jetzt ist es bereits nach sieben und wir müssen noch packen! Gestern Abend war nämlich Stromausfall und wir haben das Packen auf heute verschoben. Hektisch werfen wir alles in einen unserer Treckingrucksäcke, was wir für nötig halten – und das ist wie immer viel. Kurz nach acht schultern wir den prall gefüllten Sack-a-Dos (Rucksack auf Französisch) und verlassen das Haus. Issa erwartet und bereits an der Straße. Er hat uns eingeladen sein Dorf Nditam zu besichtigen. Ich habs schonmal erzählt, aber hier nochmal die Kurzfassung: Issa ist Künstler (Maler und Performance) und lebt meist in Santa Fe. Er saß mehrmals für kurze Zeit wegen unliebsamer Karikaturen in Kamerun hinter Gittern. Er ist sehr engagiert bei Ascovime, hat aber auch verschiedene andere Projekte. Dort setzt sich für indigene Minderheiten ein. Außerdem unterstützt sein Heimatdorf Nditam wo er kann und kommt regelmäßig zu Besuch. Diesmal sind Daniela, ich und drei Franzosen (Marie-Laure, Marie und Francois) mit von der Partie. Auf der Straße kaufen wir noch eine große Menge Salz. Georges hat einen Patienten in Nditam. Er wurde bei der letzten Kampagne dort vor einigen Wochen operiert und die Wunde hat sich entzündet. Jetzt soll Daniela die Medikation vor Ort überprüfen und ihm Salzbäder verordnen. Nach einigen Minuten sind wir endlich soweit und brechen zu „Bahnhof“ auf.
Gare de l’ouest
Der Bahnhof ist eigentlich ein Busbahnhof – aber nicht im europäischen Sinn. Es ist eine enge Straße, in der sich private Busunternehmen aneinanderreihen. Die Busse werden in den Einfahrten beladen und haben bei der Abfahrt in die enge Straße einzubiegen. Die Taxis die dort auf eine Lohnende Fahrt warten machen die Sache nicht einfacher. Vor drei Wochen hätte ich das Bild was sich uns dort bietet als das absolute Verkehrschaos bezeichnet, jetzt ist es nur noch der normale Kameruner Wahnsinn. Das Busunternehmen unserer Wahl heißt AMIGO. Vorort treffen wir Omar, Issas Neffen. Er hat die Plätze reserviert und überhaupt den ganzen Trip organisiert. In Eigenregie wäre das alles viel schwerer gewesen und für uns Weiße auch erheblich teurer. Wir habe gute Plätze im Kleinbus. Wir sitzen nur zu viert in einer Dreierreihe – purer Luxus, nach unseren bisherigen Erfahrungen mit Busreisen. Nächster Stopp: Bafia
Bafia
Nach eineinhalbstündiger Fahrt kommen wir schon in Bafia an. Während wir unser Gepäck annehmen, was uns vom Dach angereicht wird, stellt uns Issa unseren Fahrer vor. Er führt uns zu seinem Gefährt. Wir sind erstmal platt. Drei Wochen Taxierfahrung in Yaoundé haben uns scheinbar nicht ausreichend auf diesen Anblick vorbereitet. Der fahrbare Untersatz weder Heckscheibe noch Seitenfenster hinten. In die Öffnungen wurde Blech geschweißt. Die Motorhaube ist provisorisch befestigt – vermutlich um plötzliches aufklappen bei voller Fahrt zu verhindern. Die Frontscheibe ist so oft gesprungen, dass ich mir vorstellen kann, wie es ist durch Fassettenaugen zu schauen. Die Innenverkleidung der Türen fehlt völlig – ist vermutlich auch besser so, denn den Schließmechanismus scheint man nur mit einigem Gefummel an der Mechanik in der Türinnenseite betätigen zu können. Ich denke mir, dass alles hier auf die Straße gelassen wird, solange es eine funktionierende Hupe hat.
| Skeptisch nehmen wir unser Transportmittel in Augenschein. |
… das Radio geht bei unserem Gefährt auch. Ob das ein Segen ist wissen wir noch nicht. Wir „fahren“ erstmal einkaufen. Wir brauchen noch einige Dinge des täglichen Lebens für die Einwohner von Nditam und natürlich Bonbons für die Kinder. Außerdem bringen wir Präsente für den Chef mit.
Der Chef ist sowas wie ein Ortsvorsteher im weltlichen und ein Häuptling im traditionellen Sinn. Es gehört zum guten Ton nicht mit leeren Händen dort anzukommen und ihm unsere Ehre zu erweisen. Es noch einigen andere Regeln, die uns Issa erklärt. Man soll zum Beispiel nicht die Beine übereinander schlagen und solche Dinge, aber, so beruhigt uns Issa, das sehe der Chef nicht so eng. Er wisse ja, dass die Europäer keine Ahnung von den Stammessitten haben. Wir bringen ihm jedenfalls eine Flasche Whiskey mit; den mag er besonders gern.
Nach dem Shopping stärken wir uns noch in einem Restaurant in der Nähe. Auf dem Speiseplan: Stachelschwein. Schmeckt eigentlich ganz lecker. Der Wirt ist stolz, dass Europäer in seinem Etablissement einkehren und ein Fotograf taucht nach dem Essen auf, der uns zusammen mit dem Restaurantbesitzer und seiner Frau am Tisch fotografiert. Die Situation mutet noch etwas seltsam an, aber eigentlich haben wir uns schon an sowas gewöhnt.
Los geht’s
Wer mitgezählt hat, der weiß, dass wir zu acht sind. Issa, Omar,Francois, Marie-Laure, Marie, Daniela, der Fahrer, dessen Namen ich vergessen habe, und ich. Zu viel für das überladene Auto. Zwei von uns steigen also auf ein Mototaxi um und los geht die Fahrt. Auf meine Frage nach der Entfernung erhalte ich von Issa, Omar und dem Fahrer verschiedene Antworten. Alle sind sich jedoch einig, dass es über 100 km sind. Bereits kurz hinter dem Ortskern von Bafia hört der Asphalt auf und die Piste beginnt.
| Innenansicht unseres Autos. Mir kommt das Jingle der Carglas Werbung in den Sinn. Das wäre mal eine Bild für eine Werbekampagne. |
Er dauert nicht lange und wir erreichen einen Fluss. Wir setzen nach einer halben Stunde Wartezeit mit der Fähre über – allerdings nur das Auto und wir. Wir müssen also zu siebt mit diesem Gefährt weiter. Es ist zu eng, deshalb nutzen wir auch den Selbstgeschweißten Dachgepäckträger als Sitzgelegenheit. Auf der Piste kann man sowieso nicht so schnell fahren, denn man muss ständig auf der Hut vor Schlaglöchern sein. Oben zu Fahren ist ein bisschen wie Rodeo, aber wenn man sich gut festhält ist es verhältnismäßig sicher, bilde ich mir ein. …wenn man bei diesem Auto überhaupt von Sicherheit sprechen kann.
Wir kommen voran, aber ab und zu werden wir von Nagelbrettern aufgehalten. Am Straßenrand sitzt dort ein Polizist vor seinem Privathaus und wartet auf Kundschaft. Gegen eine kleine „Aufwandsentschädigung“ bequemt er sich dann die Barriere zu entfernen. Toller Job! Manchmal kommen wir umsonst durch, denn der Anblick den wir „Weißen“ auf dem Dach der Rostlaube bieten ist nicht alltäglich und manch Ordnungshüter lässt sich erweichen. Fast jeder am Straßenrand wink uns amüsiert zu.
Ein Dorfpolizist fühlt sich jedoch herausgefordert und zwingt uns abzusteigen. Wir gehen zu Fuß weiter – das Auto kommt schon nach, beruhigt uns Issa. Nach zwanzig Minuten zäher Verhandlungen haben sich der Polizist und unser Fahrer wohl auf einen angemessenen Preis für unsere Unverfrorenheit geeinigt und das Auto taucht hinter uns auf der Straße auf.
Pauline
Wir biegen in eine Seitenstraße ein. Sie ist noch schlechter als die Hauptpiste. Nach einigen waghalsigen Umkurvungen enormer Schlaglöcher halten wir vor dem Haus von Pauline. Sie ist Patientin von Georges und hat ein komplett verbranntes Gesicht. Die offizielle Geschichte ist, dass sie Fisch frittieren wollte und dabei ausgerutscht ist. Es gibt jedoch Zweifel an der Geschichte, denn in Teilen Kameruns kommt es vor, dass geschasste Verlobte sich mit entstellenden Verbrennungen rächen. Einiges deutet darauf hin, dass das in diesem Fall passiert ist. Issa erkundigt sich nach dem Befinden, redet mit dem Vater und fotografiert alte Fotos von Pauline und die Geburtsurkunde ab. Dann die gute Nachricht: Einige Freiwillige von Ascovime aus Amerika habe Geld gesammelt um Pauline eine Operation zu ermöglichen, die ihr wieder ein Gesicht schenkt. Komischerweise ist die Freude beim Vater sehr verhalten.
| Gruppenfoto mit Pauline. (v.r.n.l.:Francois, Mama von Pauline, Issa, Marie, Pauline, Elefant (Spitzname), Paulines Vater, ??, Daniela, Sven, Marie-Laure und unser Fahrer. Omar macht das Foto) |
Wir brechen auf aber werden wiederkommen und nachbohren, denn wichtig ist es die Wahrheit zu erfahren, bevor die OP stattfindet. Transparenz und Offenheit sind wichtig, denn die Spender haben ein Recht auf die Wahrheit. Im Auto erzählt Issa, dass auf der Geburtsurkunde ein anderer Name steht, als Pauline ihn angegeben hat und dass die Familie ihr Land im anglophonen Teil Kameruns aufgegeben hat und hierher gezogen ist. Ein Mann der bei unserem Besuch etwas abseits gestanden hat, schein aber mehr zu wissen. Issa wird ihn bald besuchen.
Tikar
Wir fahren weiter auf der Hauptpiste. Die Siedlungen werden seltener und die Reaktionen auf die weißen auf dem Autodach werden überschwänglicher. Wir halten in einem Dorf um kurz die Plätze zu tauschen und viele Dorfbewohner strömen herbei um sich die seltsame Gruppe anzuschauen. Zuerst kommen die Kinder und umringen uns. Mich tippt ein Mann auf die Schulter. Er möchte ein Foto. Er posiert mit ernster Mine und ein paar Pflaumen in der Hand. Als ich ihm das Foto zeige flippt er aus und ist ganz aus dem Häuschen.
| Gestelltes Foto. So ernst er hier schaut, so sehr hat er sich nachher über das Foto gefreut. |
| Plätze getauscht und weiter gehts. |
Wir machen noch ein paar Fotos, dann geht es weiter. Wir sind schon im Land der Tikar, erklärt uns Omar, der mit auf dem Dach sitzt. Nach weiteren 30 Minuten erreichen wir Nditam.
Nditam
Wir fahren direkt zu Omars Haus. Es gibt einen kleinen Imbiss bevor uns unsere Unterbringung gezeigt wird. Daniela und ich schlafen im Haus eines Freundes. Wir haben unser eigenes Zimmer mit Doppelbett. Nachdem wir uns eingerichtet haben geht es zum Chef. Der Weg dahin dauert lang, da uns Issa jeden Dorfbewohner vorstellt. Unsere paar Brocken Tikar (es ist auch der Name der örtlichen Sprache) werden so gefestigt: Miamä (Guten Tag), Bisale (Wie Geht’s), Dscham oder Flo (gut/ sehr gut), Osoko (Danke). Wir schlagen uns schon ganz gut. Trotzdem amüsieren sich unsere neuen Bekannten über unsere ersten Sprechübungen. Auf dem Weg beschließen wir zuerst dem Patienten einen Besuch abzustatten und ihm das erste Salzbad zu verabreichen. In der Hütte ist es dunkel und stickig. Es riecht nicht angenehm. Ich vermeide es mir die Entzündung anzusehen – Daniela muss da durch. Sie erklärt dass man nicht zu viel Salz nehmen soll und bereitet die richtige Mischung zu. Die umstehenden Frauen probieren das Gemisch.
Wir gehen weiter zum Chef. Man grüßt ihn mit „Sebene“ – eine Grußformel eigens für den Chef. Es gibt mehrere solcher Chef-Wörter. Seine Frauen - es sind über zehn - haben für uns gekocht. Fisch, Hühnchen, Maisklöße und eine Art Spinat gibt es. Wir haben Hunger nach dem langen Tag und hauen rein.
Wir gehen weiter zum Chef. Man grüßt ihn mit „Sebene“ – eine Grußformel eigens für den Chef. Es gibt mehrere solcher Chef-Wörter. Seine Frauen - es sind über zehn - haben für uns gekocht. Fisch, Hühnchen, Maisklöße und eine Art Spinat gibt es. Wir haben Hunger nach dem langen Tag und hauen rein.
| Gruppenfoto mit den Frauen des Chefs am nächsten Morgen. |
Anschließend, so will es das Protokoll, erzählen wir dem Chef woher wir kommen und wie es bei uns zuhause zugeht. Von Deutschland kennt er wie viele Kameruner nur das Oktoberfest. Das ist hier aber richtig populär und Gesprächsthema Nummer eins, wenn wir erzählen, dass wir Deutsche sind. Wir gehen nach der Verabschiedung, die sich wegen der vielen Frauen etwas in die Länge zieht, zurück zu unserer Hütte und sind hundemüde nach dem langen und ereignisreichen Tag. Morgen haben wir ein ausgedehntes Programm, da wollen wir fit sein. Das Einschlafen gestaltet sich jedoch etwas schwierig: Der Dschungel ist schon ziemlich laut, auch nachts. Irgendwann klappts dann doch.
Mehr von unseren Erlebnissen in Nditam bald an dieser Stelle.
Bis dahin,
Daniela & Sven
ihr specht immer von einem "auto"... ich konnte auf keinem der bilder eines erkennen!!! :-)))
AntwortenLöschenOh mann--- voll das abenteuer!
beneid euch direkt ein bisschen!!! liebe grüsse aus Graz!!! Heidrun
Himmelarsch und Wolkenbruch,
AntwortenLöschendas sind ja Bilder und Geschichten, die das Leben euch da jetzt schreiben läßt!
Sensationell !!!
Paßt schön auf euch auf und ganz liebe Grüße von Holger und
Grit