Erste Kampagne
"Trogenbeschaffung"
Unser erster Hilfseinsatz beginnt bereits am Donnerstagabend um 21:00 Uhr mit dem Beschaffen der Medikamente. Im Gegensatz zu Deutschland hat das hier etwas von Miami Vice. Desiré, ein Mitarbeiter des Projekts und ich mieten ein Taxi für eine Stunde – das kostet hier ca. 4 Euro. Wir fahren einmal quer durch die Stadt in ein anderes Viertel. Es ist bereits dunkel und ich muss zugeben die Gegend wirkt zwielichtig. Beim Aussteigen bedeuten wir dem Fahrer auf uns zu warten – unser Fluchtfahrzeug. Wir gehen eine schlechte Lehmstraße den Berg herunter. Es gibt keine Straßenbeleuchtung, daher haben wir eine Taschenlampe mitgenommen um nicht in einem der Schlaglöcher umzuknicken. Wir biegen ab und schlängeln uns durch die Hinterhöfe, dann in einen Hauseingang, Treppe rauf, Klopfzeichen und wir stehen im Licht einer recht westlich eigerichteten Wohnung. Ein Paar wohnt dort. Ihre drei Kinder starren mich an, sind aber zu verlegen um auf meine Fragen nach Namen und Alter zu antworten. Desiré wechselt ein paar Worte mit dem Pärchen – ich verstehe nicht viel von der Konversation. Ein Päckchen wird geholt. Es ist voll mit Medikamenten der Firma Troge aus Deutschland. Wir zählen die Ware – es ist fast alles da, dennoch konnte ein Teil der Bestellung nicht beschaffen werden, soviel verstehe ich. Dann wechselt ein Bündel Scheine den Besitzer, übrigens ein Teil unseres Spendengeldes aus Deutschland, und wir treten den Rückweg an. Wir Springen in den Fluchwagen und es geht zurück nach Damas. Unterwegs habe ich viele Fragen zu der Aktion. Desiré erklärt mir, dass die Dame des Hauses für Troge in Kamerun arbeitet und die Medikamente daher günstiger bekommt. Zudem hat sie eine Apotheke, bei der wir die Bestellung aufgegeben haben. Wir waren spät dran und damit selbst außerhalb Kameruner Geschäftszeiten. Deshalb sind wir in Ihrer Privatwohnung vorbeigefahren. Mir wird einiges klar …
Am Freitagmorgen um 6:00 beginnt reges Treiben in Georges Haus. Allmählich trudeln immer mehr Leute ein und beginnen mit dem auspacken von den Unzähligen Taschen die Georges in seinem Haus hortet. Sie sind gefüllt mit Medikamenten und OP Zubehör. Der Inhalt wird gezählt und umgepackt. Anschließend werden die Taschen auf zwei Haufen „Kommt mit“ und „Bleibt hier“ verteilt. Um 8:00 muss Georges in Krankenhaus zum Arbeiten. Daniela und ich packen unsere Sachen für den Einsatz. Es heißt wir schlafen im Zelt und es scheint gut, dass wir unser eigenes mitgenommen haben. Beim Packen konnte ich sieben Dreimannzelte zählen, bei diesem Einsatz sind wir aber mit 42 Personen ungewöhnlich viele Freiwillige – nach meiner Rechnung geht das nicht ganz auf.
Abfahrt?
Zwölf Uhr ist Abfahrt, so der Plan. Die Busse kommen schon mal pünktlich, trotzdem gibt es eine Überraschung, es gibt keinen der hier üblichen Dachgepäckträger. Das bedeutet acht wertvolle Plätze nimmt unser Gepäck in Beschlag und wir brauchen ein zusätzliches Fahrzeug. Das lässt sich aber erstaunlich schnell Regeln und kurz nach Zwölf sind wir bereit – wir warten nur noch auf Georges.
Die Warterei zieht sich, bis Georges um 15:30 erscheint. Die Operationen in Krankenhaus hatten Komplikationen, es ist aber alles gut gegangen. Es geht also endlich los. Das Dorf, das Ziel der Kampagne ist, ist nur knapp 100 km von Yaoundé entfernt. Es ist ein unüblicher Einsatz, denn die Gegend ist noch verhältnismäßig zivilisiert. Es ist keins der abgelegenen Dörfer die sonst angefahren werden. Eine halbe bis dreiviertel Stunde soll die Fahrt dauern – wir kommen um 19:00 Uhr an. An dieser Stelle muss ich anmerken, dass die Kameruner Zeitangaben sich von den Europäischen stark unterscheiden. Grundsätzlich muss man immer etwas mehr rechnen. In diesem Fall haben wir auf der Fahrt aber noch Pausen gemacht um einige Bekannte von Georges zu besuchen und der Busfahrer musste aus irgendwelchen Gründen nochmal beim Sitz seines Unternehmens vorbei – in der Freitags Rush Hour. Na ja, wenn man hier eines lernt, dann Geduld.
Wir kommen also in dem Dorf an und wir gehen erstmal in die örtliche Bar. Ich verstehe nicht ganz warum wir aufgrund der Verspätung nicht sofort loslegen, denn ich bin für das Aufbauen der Zelte und die Installation des OPs eingeteilt. Aber wieder einmal muss ich merken, dass hier einiges anders läuft. Georges muss erstmal mit dem Chef des Dorfes reden und seine Erlaubnis einholen. Wir vertreiben uns die Zeit in der Bar mit dem Probieren der örtlichen extrem süßen Limonaden. Unser Favorit: Top Pampelmuse. Die Musik wird aufgedreht und der Laden füllt sich schnell mit Schaulustigen. Es hat sich schnell rumgesprochen, dass eine Busladung „Weiße“ in der Bar eingefallen ist. Einige von uns beginnen zur Belustigung und Begeisterung der Einheimischen zu tanzen. Eine alte Frau um die 70 scheint besonders angetan und macht mit. Man sieht ihr beim Tanzen das Alter nicht an – im Gegenteil. Sehr agil und gewandt bewegt sie sich zum Rhythmus. Dagegen wirken unsere Tanzversuche noch eher steif.
Es geht los
Nach einer Stunde bekommen wir grünes Licht. Der Plan hat sich etwas geändert. Wir schlafen in den Räumlichkeiten des örtlichen katholischen Internats und können dort auch unsere medizinische Infrastruktur aufbauen. Es gibt sogar Strom. Ich bilde ein Team mit Etienne, dem Elektriker. Daniela wird einem Doktor aus Yaoundé zugeteilt. Kaum sind wir am Internat angekommen strömen schon Menschen aus allen Himmelsrichtungen herbei. Es ist dunkel und schon spät. Die meisten kommen mit dem Motorrad Taxi. Es sind oft alte Leute oder Frauen mit Kindern, die von den Gefährten absteigen. Mir wird klar, wieviel unser Einsatz den Menschen hier zu bedeuten scheint. Aber mir bleibt keine Zeit lange darüber nachzudenken. Der Operationssaal und das Licht für die anderen Teams will installiert werden. Die Kabel sind zu kurz. Alle funktionsfähigen Steckdosen sind zu weit weg. Wir zapfen eine Lampe an und verlegen ein Kabel das zusammengeschustert ist aus vielen kurzen einadrigen Stücken. Das Ende bilden zwei Glühbirnen in einem Baum: Hier entsteht die Apotheke, erklärt mir Etienne. Dann schauen wir uns den vorgesehenen OP an. Es ist der Raum der Krankenstation des Internats. Er scheint nicht mehr in Betrieb zu sein. Das wichtigste ist das Licht bei den Operationen und das stellt uns vor Schwierigkeiten. Alle Steckdosen und Kabel sind tot, außer der Deckenleuchte. Sie schwebt ca. 3,5m über uns und wir haben keine Leiter um sie anzuzapfen. Wir finden ein schmales Regal und Etienne kann auf dem obersten Brett stehend gerade die Decke erreichen. Eine sehr wackelige Angelegenheit und ich sehe ihn schon auf den Patienten fallen, der bereits mit einer Infusion im Arm auf seine OP wartet. Eine Krankenschwester aus Yaoundé ist auch im Raum. Sie liegt auf einer Ablage und versucht noch ein bisschen Schlaf zu bekommen. Wir müssen das Licht löschen um arbeiten zu können und so sitzen wir nun alle vier im Dunkeln. Etienne steht mit meiner Stirnlampe auf dem Regal und versucht im Schein der Lampe ein Verbindungsstück an das verflixt kurze Kabelende zu schrauben, das aus der Decke ragt. Creative Engineering!
Daniela hat derweil mit den Untersuchungen begonnen. Sie finden unter freiem Himmel statt. Zum Glück regnet es nicht. Etienne und ich arbeiten bis um Mitternacht und gehen ins Bett. Daniela kommt um zwei Uhr morgens.
Der nächste Tag
Über Nacht sind scheinbar viele Menschen angekommen. Als wir morgens um acht Uhr aufstehen ist der Platz auf dem wir uns eingerichtet haben voller Leute. Es gibt neue Pläne. Das Team ist groß genug um sich zu teilen. Eine Hälfte wird am Mittag in ein weiteres Dorf fahren um dort Untersuchungen durchzuführen und Medikamente zu verteilen. OPs gibt es nur im Internat. Daniela und ich werden ab Mittag getrennt. Sie ist für das andere Dorf eingeteilt. Ich habe aber gar keine Zeit mir weitere Gedanken zu machen, denn über Nacht wurde beschlossen zwei OP Tische einzurichten. Das heißt für Etienne und mich, dass wir die Installation vom Vortag abbauen und einen größeren Raum finden müssen – mit Strom. Es tauchen immer wieder Schwierigkeiten auf und so brauchen wir bis knapp 16:00 Uhr bis alles fertig eingerichtet ist. Das Ergebnis ist laut Etienne jedoch mehr als zufriedenstellend: Zwei umfunktionierte Schultische, aufgebockt auf ein paar Steinen für die Richtige Höhe, über denen jeweils drei 100W Glühbirnen an losen Kabeln baumeln. Zusätzlich haben wir noch ein paar Leuchtstoffröhren auftreiben können. Die glaslosen Fenster sind mit grünen OP-Tüchern verhangen um Schaulustige und Insekten fernzuhalten. Zwischen den Tischen haben wir sogar einen kleinen Paravent errichtet um dem Patienten ein Mindestmaß an Privatsphäre zu gönnen. Etiennes Gesamturteil: Parfait! Ich halte mich da erstmal raus.
Unwetter
Bis auf ein paar Kleinigkeiten habe ich jetzt Feierabend mit dem Technikteam. Ich löse eine Holländerin bei der Apotheke ab. Tabletten zählen und in kleine Tütchen packen. Es fängt an zu tröpfeln und dämmert langsam – ein neuer Einsatz fürs Technik Team. Wir ziehen die Apotheke um unter ein Vordach und müssen dort noch Licht verlegen. Lange brauchen sie das Licht aber nicht, denn die mitgebrachten Medikamente gehen aus. Entfernter Donner ist zu hören. Eine halbe Stunde später bricht das Inferno los. Ein waschechtes Tropengewitter erwischt uns mit voller Breitseite. Es dauert keine 5 Minuten, dann fällt der Strom aus. Wir müssen in strömenden Regen den Generator ans Laufen bringen. Währenddessen laufen die Operationen mit Stirnlampe weiter. Etienne findet Regen und laufende OPs sind kein Grund zur Eile, er wechselt erstmal das Öl vom Generator. Mittlerweile haben alle Patienten unter den wenigen Dächern und in den teilweise offenen Räumen Schutz gefunden, es ist aber sehr eng. Ich mache mir Sorgen um Daniela – wie es ihr wohl im anderen Dorf ergeht. Dort gibt’s vermutlich auch keinen Strom mehr – aber auch keinen Generator. Apropos Generator: Langsam verstehe ich, dass Etienne ein ganz besonderes Verhältnis zu seinem Spielzeug hat. Er macht sich Sorgen um das Gerät und stellt es vorsichtshalber in einen Raum in dem 20 Patienten das Unwetter abwarten. Die Abgase gehen zwar zur Tür heraus, aber es ist laut und stinkt in dem Unterstand. Es scheint niemanden wirklich zu stören. Es regnet immer stärker und alle Schlupfwinkel sind belegt. Ich flüchte wie viele Freiwillige in den einzigen trockenen Raum mit Licht, den OP. Jetzt muss ich doch bei den Operationen zuschauen – das wollte ich eigentlich vermeiden, denn der Anblick liegt mir nicht besonders. Die Tür öffnet sich und ein paar aus der Gruppe vom anderen Dorf kommt herein. Daniela ist heil zurück und mir fällt ein Stein vom Herzen.
| Der neue OP - schierer Luxus |
Aber Feierabend ist noch lange nicht. Daniela ist für die zweite Gruppe OP Teams in der Nacht eingeteilt. Also schnell ins Bett und eine Mütze voll Schlaf kriegen, bevor sie wieder raus muss. Um 2:30 Uhr werden wir geweckt. Ich kann liegen bleiben, Daniela muss ran. Am nächsten Morgen geht’s weiter. Daniela hat kaum geschlafen; ich schon. Auf dem Platz warten immer noch Patienten. Sie kommen nach und nach. Man erklärt mir warum. Die Leute glauben zunächst nicht, dass es medizinische Versorgung umsonst gibt. Daher brechen sie erst auf, wenn die ersten erfolgreich behandelt wieder ins Dorf zurückkehren. Viele vergessen aber auch etwas. Sie kommen mit Schmerzen im Bein und später fällt ihnen noch die Malaria ein. Oder ein Polygamist bringt eine seiner Frauen zur Behandlung und dann wollen die anderen auch behandelt werden. Manche Mütter kommen auch mit jedem Kind einzeln. Die letzten Untersuchungen werden also noch durchgeführt und die verbleibenden Operationen beendet. Ich fange an mit Etienne alles abzubauen. Am Mittag brechen wir nach Yaoundé auf.
Bilanz: Über 1000 Untersuchungen, 38 Operationen, jede Menge verteilte Medikamente und viele zufriedene Gesichter - und 42 absolut fertige aber glückliche Freiwillige, einschließlich uns.
Liebe Grüße und bis bald,
Daniela & Sven
Wow... Dazu fallen mir vor allem zwei Dinge ein:
AntwortenLöschen1.) What would MacGyver do?
2.) Wie mein Vater die Sache mit dem Regal und der Lampe mit streng erhobenem Zeigefinger rügt!^^
Echt beeindruckende Geschichten! ...und sehr schön erzählt :)
Viele Grüße und viel Erfolg Euch. Ich bleibe gespannt!!!
der Lars
Hallo Ihr beiden. Macht Ihr diese Ochsentour jedes WE? Respekt! Wie klappts denn mit der Sprache?
AntwortenLöschenCheers
Andrea
Wow.... Mir fallen zwei Dinge dazu ein
AntwortenLöschen1. What would MacGyver do?
2. Der erhobene Zeigefinger meines Vaters bei der Aktion mit dem Regal und der Lampe:)
Beeindruckende Geschichte...und schön erzählt!
Viel erfolg und Spaß! Ich bleibe weiter gespannt!
Grüße, der Lars