Der Tag beginnt
Gegen vier ist die Nacht für mich vorbei. Ich muss aufs Klo. Das heißt aufstehen, lange Sachen anziehen, denn man will ja nicht komplett zerstochen werden, die Schuhe überstülpen und raus aufs Plumpsklo. In der Nacht hat es ein bisschen geregnet und den Boden aufgeweicht. Er ist hier sehr lehmig, fast Ton und so hat sich auf dem kurzen Stück bis zum Klo bereits jeweils ein Kilo Erde an meinen Schuhen festgesetzt. Die Dorfbewohner streifen die Sohle beim Betreten des Hauses gekonnt an der Türschwelle ab – bei mir geht das nicht so leicht. Auf dem Weg zurück ins Bett bemerke ich schon erste Anzeichen der Dämmerung – das Startsignal für viele Dschungelbewohner. Ich liege im Bett und schaue nach oben. Schatten huschen über mir an der Decke vorbei. Es sind Fledermäuse, die den hier üblichen Zwischenraum zwischen Hauswand und Wellblechdach ausnutzen um dort Insekten zu fangen. Ich bilde mit ein ihre Echolot-Ortung zu hören, die verhindert, dass sie mit einem der Dachbalken kollidieren. Es dauert nicht lange, da beginnt jemand im Nebenraum leise vor sich hinzumurmeln. Es ist der Hausbesitzer. Er ist Moslem und betet. Wir haben zwar etwas Privatsphäre in unserem eigenen Zimmer, durch den Zwischenraum zum Dach hat man aber das Gefühl das Gebet findet direkt neben unserem Bett statt. Es dauert nicht lange, da beschließt ein Vogelschwarm sich auf dem Wellblechdach niederzulassen und die morgendliche Begrüßungszeremonie abzuhalten. Wellblechdächer können ungemein laut sein und so höre ich bald nichts mehr von dem betenden Hausherrn. Über eine Stunde ist so vergangen und ich bin endgültig wach und trotzdem erschöpft.
Frühstück und Führung durchs Dorf
Frühstück gibt´s wieder zweimal. Einmal bei „Elefant“, einem weiteren von Issas neun Brüdern. Es ist nur ein Spitzname, aber seinen richtigen Namen bekomme ich in unserer Zeit in Nditam nicht heraus. Das zweite Frühstück gibt’s beim Chef. Seine Frauen erwarten uns bereits. Der Chef selbst sitzt wie am Vortag auf einem Plastik Gartenstuhl am langen Ende des Raumes. Neben ihm auf einem Hocker ist der Weltempfänger platziert. Er gibt neben atmosphärischen Störungen auf etwas das nach französischen Nachrichten klingt von sich. Er ist heute uns gegenüber nicht so gesprächig; die Weltpolitik ist heute Morgen wichtiger.
Nach dem Frühstück gibt’s eine Dorfführung von Issa. Wir beginnen mit der Krankenstation. Dort findet die jährliche Kampagne von Ascovime in Nditam statt. Sie ist jetzt vier Wochen her. Der Dorfdoktor zeigt uns stolz sein Reich. Er ist eigentlich Krankenpfleger, aber die Dorfbewohner sind hier recht freigiebig mit Doktortiteln. Auf dem Schreibtisch stapeln sich einige Din A5 Hefte. Es sind die Krankenakten der Behandelten seit der Kampagne. Sie liegen noch dort, weil die Zahlung der Behandlung noch aussteht. Nach der Bezahlung erhält man sein Heft zurück. Wir erfragen ein paar Preise. Eine Geburt kostet ungefähr 3,70€. Zu viel für die meisten, deshalb gebären sie oft zu Hause.
| Die Krankenstation in Nditam |
Wir gehen weiter zu katholischen Kirche. Sie sieht aus wie die anderen Hütten. Issa erzählt dass es neben der katholischen noch eine protestantische Kirche, eine Moschee und ein paar Plätze gibt wo man animistische Rituale abhält. Eine beeindruckende Religionsvielfalt und alles existiert ganz friedlich nebeneinander, wie uns Issa versichert. Er selbst ist als Moslem geboren, aber in die katholische Schule gegangen und hat mit seinem Vater auch regelmäßig Animismus praktiziert.
Wir machen Visite bei Danielas Patienten. Das morgendliche Salzbad hat noch nicht stattgefunden und Daniela betont nochmal wie wichtig es ist. Wir rufen Georges an um ihm vom Zustand des Kranken zu berichten.
Telekomunikation
Anrufen in Nditam ist nicht einfach. Ich hatte auf unserer Fahrt schon seit bestimmt mehr als 30 Kilometern keinen Mobilfunkmasten mehr gesehen. Es gibt aber einen Ort im Dorf, an dem man 3 Balken hat. Er ist mit einem Pfahl im Boden markiert. In der richtigen Höhe befindet sich ein Brett, auf das man sein Mobilgerät legt und nur da hat man die Verbindung. Kaum zu glauben, aber nur 10 cm weiter rechts oder links, oben oder unten ist NICHTS. Ich verstehe es nicht und vermute animistische schwarze Magie dahinter. Ich teste die Verbindung mit meinem Smartphone – ich habe hier sogar Internet! Unglaublich. Issa ist aus dem Häuschen und möchte, dass ich ihm eine Email schreibe. Es ist der erste Kontakt von Nditam mit dem Internet. Der Chef wird begeistert sein.
| Wir haben Netz!!! |
Ab in die Felder
Nach dem Anruf bekommen wir eine Führung durch die Felder des Dorfes. Es geht in den Wald. Wir sehen Kaffeesträucher, Avocadobäume, Pflaumenbäume, woher die Colanüsse kommen, Süsskartoffeln, Bohnen und vieles mehr. Maniok und Kochbananen dürfen natürlich auch nicht fehlen. Beides wird hier sehr häufig als Beilage gereicht. Für uns ist es oft schwer den Unterschied zwischen Wald und Feld zu erkennen. Meistens stehen eine oder zwei Sorten Pflanzen gehäuft nebeneinander unter den Bäumen – das ist dann ein Feld. Alle Kulturgewächse wachsen aber auch wild durcheinander – das ist dann Wald.
| Dorfbewohnerin taucht aus dem Wald (oder Feld) auf. Sie ist mit Palmfrüchten beladen - sieht schwer aus ... |
Zweimal wird der Pfad durch den Dschungel von gefällten Palmen versperrt. Der Stamm ist leicht geneigt und am unteren Ende befindet sich ein Kanister. So wird der hier beliebte Palmwein gewonnen. Dem süßen Saft der Palme wird ein Stück Palmrinde beigegeben und das ganze gärt ca. eine Woche. Es schmeckt wie Weißwein mit etwas Wiese und Kokosmilch.
| So wird Palmwein gemacht! |
Nach einiger Zeit erreichen wir eine Lichtung auf der Kakaobäume wachsen. Wir dürfen die frische Kakaofrucht probieren. In der Hülle befinden sich ca 20-30 Bohnen, die jeweils von einem Fruchtkörper umgeben sind. Man kann sie lutschen wie Bonbons, bis das Aroma verschwindet. Es schmeckt süß und ein bisschen nach Multivitamin – überhaupt nicht nach Kakao oder Schokolade.
| Mmmhh lecker Kakao ... |
| So sieht eine Kakaofrucht von Innen aus |
Wir machen uns langsam auf den Rückweg, den wir sind schon fast zwei Stunden im Wald unterwegs und wir wollen noch die „Nachbarn“ des Dorfes besuchen, die Pygmäen.
Bei den Pygmäen
Kaum im Dorf angekommen besteigen wir ein Taxi (es gibt nur ein Auto, dass gleichzeitig damit auch Taxi ist) und ein Motorrad und machen uns mit einigen Tüten Bonbons und ein paar Kilo Salz auf den Weg.
| Daniela darf auf dem Motorrad mitfahren. Auf dem Weg zu den Pygmäen. |
Issa erklärt, dass die Regierung schon länger versucht das Volk der Pygmäen stärker zu integrieren, dass die Pygmäen aber scheinbar wenig Interesse daran haben. Sie betreiben auch keine Landwirtschaft wie die Tikar im Sinne von Pflanzenkultivierung. Sie leben von dem, was sie im Wald finden. Wir kommen im ersten Dorf an. Issa zeigt uns zuerst den Brunnen, den er mit Hilfe von Sponsoren gebaut hat. Dort bekomme ich einen Eindruck was man alles im Urwald essen kann. Omar reicht mir eine Frucht, die von außen aussieht wie eine Kakaohülse. Im Innern finden sich weiße Früchte, die ein bisschen an weiße Paprika erinnern. Es schmeckt leicht süß - sehr lecker.
| Bewohner des ersten Pygmäendorfes beim Gruppenbild |
| ... im zweiten Dorf |
| Zwei Pygmäinnen (sagt man das so?) kommen aus dem Wald zurück |
Wir gehen wieder rauf zur Straße und begrüßen den Dorfchef. Wir übergeben das Salz und verteilen die Bonbons. Ich komme mir beim Verteilen etwas komisch vor, denn es fühlt sich nicht wie das Austeilen von Gastgeschenken an, sondern eher wie Almosenverteilung. Der Größenunterschied hilft auch nicht dabei sich auf gleicher Ebene einzuordnen. Die Pygmäen sind bekanntermaßen sehr klein.
Wir fahren nach kurzer Zeit noch wenige Kilometer weiter. Dort befindet sich ein weiteres Pygmäendorf und auch dort machen wir unsere Aufwartungen. Die Dorfbewohner beginnen jetzt auch noch für uns zu singen und zu tanzen. Ich fühle mich nicht ganz wohl in meiner Haut. Irgendwie ist mir die Situation peinlich, warum kann ich nicht genau sagen. Ich fühle mich ein wenig wie ein Fremdkörper. Einerseits sind die Menschen und ihre Darbietung sehr natürlich und sie scheinen sich wirklich über den seltenen Besuch zu freuen; trotzdem kommt es mir ein wenig inszeniert für die weißen Besucher vor. Das ungute Gefühl legt sich etwas, als ich merke, dass trotz untrüglicher Anzeichen unseres Aufbruchs die Bewohner nicht mehr aufhören wollen mit ihrem Tanz.
Wir fahren zurück ins erste Dorf, denn einige Bewohner waren noch bei der Arbeit im Wald. Auch sie sollen schließlich Bonbons bekommen. Auch dort wird nochmal für uns getanzt. Ich begutachte nochmal die Hütten. Sie sind noch kleinere und einfachere Behausungen als die der Tikar. Lehmziegel, die von einem windschiefen Holzgerüst zusammengehalten werden. Ein Dach aus Palmblättern soll Schutz vor dem Regen bieten.
Wir fahren zurück nach Nditam, denn Regen kündigt sich an und es wird schon bald dunkel. Ein Programmpunkt der mir besonders am Herzen lag muss daher leider ausfallen: ein Fußballmatch gegen die Dorfjugend. Ich habe aus Deutschland vier Fußbälle mitgebracht mit dem Plan sie in den Dörfern bei den Kampagnen zu verteilen. Einen Ball habe ich Issa geschenkt und er hat ihn vor zwei Wochen nach Nditam mitgenommen – zur großen Freude der örtlichen Kicker. Leider kann jetzt das geplante Spielchen nicht stattfinden. Ich fahre mit Omar auf dem Motorrad und er drückt auf die Tube, so dass wir wenigstens vor seiner Hütte noch ein bisschen den Ball hochhalten können. Es dauert aber nicht lange, da wird uns mitgeteilt dass uns der Chef schon zum Essen erwartet. Dann müssen wir wohl …
| Die Dorfjugend spielt mit meinem Ball ... |
Nach dem Essen gibt’s noch etwas Besonderes im Dorf. Der Chef stellt seinen Generator zur Verfügung um in einer Versammlungshütte einen Videoabend zu veranstalten. Es wird „Kiriku und die Zauberin“ gezeigt. Leider setzt der Beamer wegen Überhitzung immer wieder aus – der Lüfter ist kaputt. Der Generator liefert auch nicht so zuverlässig den nötigen Strom, so dass Daniela und ich nach dem vierten Versuch beschließen uns zu verdrücken. Sie hatte dem Patienten noch einen Besuch abgestattet und somit haben wir uns nach dem ereignisreichen Tag wahrlich den Feierabend verdient. Hundemüde bin ich auch nach der kurzen Nacht und so fallen wir kaputt ins Bett.
Genug für heute ...
Ich habe jetzt schon so viel geschrieben, deshalb mach ich es an dieser Stelle mal etwas kürzer, denn ich möchte den Eintrag heute noch hochladen, denn morgen verreisen wir in den Westen. Die Ereignisse des nächsten Tages mit der Rückreise – die nicht weniger Abenteuerlich als der Hinweg war gibt’s vielleicht später nochmal im Detail - hier sind schonmal ein paar Bilder.
| Aufbruch von Nditam |
| Daniela und ich fahren auf dem Dach mit ... |
| Regen verwandelt die Piste in eine glitschige Rutschbahn und wir hängen an einem Berg. ... also raus und schieben |
| Gemeinsam haben wir die Karre aus dem Dreck gezogen ;-) |
Machts gut und bis bald!
Daniela & Sven
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