Aufbruch
Wieder mal wollen wir früh los – und wieder mal wird’s schwierig. Die Woche bis zur nächsten Kampagne wollen wir im Westen Kameruns verbringen und dann am Freitag in der Nähe unseres Einsatzortes zu den Anderen stoßen. Da wir unser Klamottenkontingent aus Gewichtsgründen für die Weltreise auf ca. eine Woche ausgelegt haben brauchen wir noch die Sachen aus der Wäscherei und die sind erst um neun Uhr fertig. Als wir sie um neun abholen wollen vertröstet man uns auf zehn – war irgendwie klar ;-) So ist das halt hier in Kamerun und wir haben uns damit abgefunden. Da wir auch keinen Bus reserviert haben ist dass alles halb so schlimm. Nach unseren letzten Erfahrungen mit sehr engen Bussen wollten wir diesmal etwas früher los um vielleicht einen nicht ganz vollen Bus zu bekommen – daraus wird jetzt nichts mehr. Wir gehen zu Plan B über. Als wir um ca. 12:00 den Busbahnhof erreichen kaufen wir einfach drei Tickets für uns zwei – eine Kameruner Kollegin von Ascovime hat uns den Tipp gegeben. Für den Mitteleuropäer muss man an dieser Stelle noch erwähnen, dass pro Reihe eigentlich nur drei Plätze vorhanden sind. Ein zusätzlicher Platz entsteht indem man einen Klappsitz im schmalen Gang platziert – also vier Plätze, die aber mit fünf Personen belegt werden. Wir sitzen also zu weit auf unseren drei von fünf Plätzen in der letzten Reihe, als die übrigen zwei von einer Mutter mit ihrer ca. achtjährigen Tochter belegt werden. Sie für beide ein Ticket gekauft, was sehr unüblich ist, denn kinder zählen eigentlich nicht und werden in der Regel einfach auf dem Schoss der fünf Personen gesetzt. Wir sind also 3,5 auf fünf Plätzen: PURER LUXUS.
Wir kommen uns ein wenig komisch vor und denken wir bestätigen damit einige Stereotypen von Weissen in Kamerun, aber die Beschwerden der Mitreisenden halten sich in Grenzen. Die Reihe vor uns ist mit vier Rubensdamen belegt und ein Teenagerhinterteil will einfach nicht mehr dazwischenpassen. Das Mädchen muss auf den Schoss. Daniela erbarmt sich und bietet ihr unseren dritten Platz an. Alle sind erleichtert. Die vier Damen vor uns und das Mädchen danken uns und die Frau mit dem Kind findet in der neuen Sitznachbarin scheinbar eine exzellente Gesprächspartnerin, denn sie unterhalten sich angeregt die ganze 4,5 Stündige Fahrt über.
Bafoussam
Kurz vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wir Bafoussam. Wir sind mit Anselm verabredet, auch ein Helfer von Ascovime. Wir treffen ihn an seinem Arbeitsplatz. Er arbeitet für die Genossenschaft der Hühnerzüchter als Laborant. Auch bei Ascovime macht er das Labor. Anselm macht Feierabend als wir ankommen und wir gehen zu seiner Wohnung auf der gegenüberliegenden Strassenseite. Wir fragen ob er ein Hotel empfehlen kann, doch Anselm ist bestürzt. Wir sind doch alle Mitglieder der Ascovime Familie – wir übernachten natürlich in seinem Bett und er auf dem Sofa. Wir sagen es sei uns unangenehm wenn er wegen uns auf Sofa ausweicht. Anselms Lösung: Dann schlafen wir eben zu dritt in seinem Bett. Angesichts seiner entwaffnenden Gastfreundlichkeit und der unbestreitbaren Logik in dem Vorschlag ist der Plan schnell beschlossen und wir breiten unsere Schlafsäcke auf seinem Bett aus. Nach einem kurzen Ausflug ins Stadtzentrum und einer kleinen Schlemmertour an den Strassenrestaurants kehren wir mit plastiktüten voller Essen zu Anselms Heim zurück. Beim Essen erzählt er uns dass auch Autor ist. Er schreibt Kinderbücher und illustriert sie selbst. Er hat gerade einen neunen Vertrag für sein neues Buch abgeschlossen und zeigt uns die Illustrationsentwürfe. Wir sind beeindruckt. Ein bisschen geschockt bin ich aber auch, denn Anselms Behausung ist bescheiden. Er scheint nicht viel Geld durch seine Schriftstellerkarriere einzunehmen – und das obwohl eine kurze Internetrecherche mit dem Smartphone ergibt, dass seine Bücher sogar in andere Sprachen z.B. Spanisch übersetzt wurden. Für Anselm selbst ist das neu und ich habe das Gefühl er ist von seinem Verlag ein wenig über den Tisch gezogen worden. Hier ist übrigens eins seiner Bücher.
Nach opulentem Mahl gehen wir direkt zu Bett – zu dritt.
Um vier Uhr geht das Radio an. Von der Uhrzeit weiss ich nichts, ich sehe nur dass es draussen noch dunkel ist. Anselm muss aufstehen und zur Arbeit – dass heisst, er bleibt noch eine Stunde bei röhrendem Radio liegen. Wir kennen schon die Geräuschunempfindlichkeit der Kameruaner und preisen wieder mal unsere Ohrenstöpsel. Um fünf stehen wir aber auf und machen uns ans Frühstück. Anselm geht um sechs zur Arbeit und wir brechen auch kurz danach auf. Wir wollen haute den Sultan von Foumban besuchen.
Foumban
Wir fahren mit einer der hiesigen Reiseagenturen – also einem kleinen Busunternehmen. Nach einer Stunde Fahrt durch schöne Landschaft geprägt durch alte Vulkane erreichen wir Foumban. Es ist das Zentrum des Bamoun Stammes (Wiki-Link: sehr interessant) und beherbergt ein bedeutendes Museeum Kameruns. Wir nehmen also ein Taxi zum Palast und sehen uns wieder mal mit einer Meute von Menschen konfrontiert, die alle unsere Führer sein wollen. Trotz aller Versuche lässt sich einer nicht abschütteln und nimmt uns mit zum Eingang mit Kasse. Dort wartet schon der nächste und will uns eine Führung geben. Wir lehnen ab, denn wir wollen nichts extra bezahlen. Ich bin etwas genervt und habe keine Lust auch für die Fotos separat zu bezahlen, deshalb gibt’s vom Museum keine Fotos. Unser „Führer“ besteht darauf uns zu begleiten. Daniela will nun nicht mehr und macht sich aus dem Staub um dem aufdringlichen Kerl zu entkommen. Die Angelegenheit klärt sich kurz darauf. Ein Mitarbeiter des Museums erklärt, die Führung sein im Preis inbegriffen und wir hätten schon dafür bezahlt – na wenn das so ist …
Die Führung ist gut und sehr interessant – vieles dreht sich darum wie die örtlichen Potentaten den unliebsamen Untertanen und Feinden mit Macheten die Köpfe abgeschlagen haben und diese anschließend zur Schau gestellt haben – fast wie bei uns in Europa wenn man z.B. an die Französische Revolution denkt. Der vorletzte Sultan war ein cleverer Kerl. Er hat eine Art Steno Schrift entwickelt um seine Sprache zu konservieren. Er hat die Geschichte seines Volkes aufgeschrieben und nicht zuletzt das Museum gegründet. Er liebte die deutschen Kolonialherren und hatte einen besonderen Fable für die Uniformen. Die Ordnungsliebe scheint ihm auch imponiert zu haben, denn nach dem Kontakt mit den deutschen Besatzern find er an penibel Buch zu führen. Er erstellte ein Geburts- und Sterberegister und entwarf einen Kalender für sich, der ihm half zu planen wann er mit welcher seiner 692 Frauen schlafen musste, damit keine zu kurz kommt – kein Scherz! Wozu deutsche Gründlichkeit führen kann …
Wir verlassen das Museum und treffen unseren ersten Führer wieder. Mit abgeklungenem Misstrauen hören wir uns seine Geschichte an. Er ist Sohn des Sultans – also quasi Prinz uns möchte uns die Riesentrommel zeigen, mit der die Untertanen übergroße Entfernungen zu den Versammlungen gerufen wurden. Sie sind wirklich mächtig groß – und sie wurden interessanterweise mit frisch abgehackten Armen von Häftlingen geschlagen – für den besseren Klang. Heute klingts mit Holzklöppeln angeblich schlechter – wir sind froh, dass unser Führer den direkten Vergleich schuldig bleibt.
Wir schlendern noch ein wenig ziellos durch die Stadt und machen uns dann doch auf den Weg zurück ins Hotel Baba Palace – ein gutes Hotel, was wir uns mal für die Nacht gegönnt haben. Wir freuen uns nach einigen Wochen zum ersten Mal wieder fließend Wasser zu haben – es gibt sogar eine Badewanne und lauwarmes Wasser. Der fehlende Stöpsel wird einfach durch einen Zahnputzbecher und Klopapier ersetzt und erwartungsvoll sitze ich in der Wanne und beobachte den steigenden Wasserspiegel – bei zehn Zentimetern ist Schluss mit dem lauwarmen Wasser, aber das tut der Stimmung nicht wirklich Abbruch. Ich bilde mir ein gepflegt zu baden und die Autosuggestion funktioniert – jedenfalls ist es das beste Bad, was ich seid langem hatte. Das Zimmer ist sauber und das Bett ordentlich, nach der kurzen Nacht sind froh darüber und bester Dinge. Das Abendbrot nehmen wir auch im Hotel ein – der Koch kommt nur für uns ins Haus und freut sich augenscheinlich mal wieder Gäste zu haben. An seinen Künsten kann es nicht liegen, dass er scheinbar wenig Kundschaft hat, denn das Essen ist lecker und reichlich. Satt und zufrieden geht’s danach direkt ins Bett. Die Erinnerungen an diesen Tag bleiben für die Nachwelt nur schriftlich, denn irgendwie haben wir den ganzen Tag über kein einziges Foto gemacht!?!
Zurück nach Bafoussam
Am nächsten Tag fahren wir zurück nach Bafoussam. Auf dem Weg zum Busbahnhof hält ein Bus für uns an – er ist fast leer. Wir glauben den Sechser im Lotto gezogen zu haben, denn nicht nur, dass wir den Fußmarsch oder das Taxi zum Bahnhof gespart haben, wir haben sogar platz unsere Beine auszustrecken und teuer ist die Fahrt auch nicht! Die Euphorie hält ein paar Minuten, dann merken wir langsam, dass unser Transportmittel an jeder Katzenkirmes Hält und Leute mit Unmengen von Waren zu- und aussteigen, die jedesmal aufs Dach verladen und verschnürt werden müssen. Wir brauchen also mehr als doppelt so lange für den Rückweg nach Bafoussam, sind aber um eine Erfahrung reicher.
Wir suchen das Touristenbüro in Bafoussam – es ist das erste mal dass ich so eine Adresse im Reiseführer entdecke und ich verspreche mir einiges – Daniela ist skeptischer und sie soll Recht behalten. Der Chef des Büros hat keine Ahnung, wie wir einen Führer zum Vulkansee bekommen können – das erfahren wir nachdem wir eine Stunde auf ihn gewartet haben, denn er ist zum Mittagessen nach Hause gefahren. Eine Karte der Gegend hat er auch „nicht mehr“ – stattdessen aber haufenweise Prospekte von Kamerun aus den 70ern – auch in Deutsch. Wir lehnen dankend ab und rekrutieren einen Taxifahrer als Führer: Pierre. Er ist etwas wortkarg, aber höflich und zuvorkommend. So machen wir uns auf zum Lac Baleng. Es ist ein Kratersee und liegt scheinbar ziemlich abgeschieden im Wald – jedenfalls versichert sich Pierre unterwegs dreimal bei Einheimischen ob er noch auf dem richtigen Weg ist. Er sagt er war das letzte Mal vor 20 Jahren da. Nach dem Abstieg in den Krater treffen wir zwei Fischer, die uns gegen ein kleines Taschengeld eine kurze Runde auf dem See drehen lassen.
| Lac Baleng: Kratersee mir kleinem Floss |
Der Anblick der Kraterwände ist bemerkenswert. Zurück an Land will Pierre weiter. Es sieht nach Regen aus und der Weg zum See war alles andere als gut. Regen würde die Piste in eine Rutschbahn verwandeln. Das wollen wir möglichst vermeiden, also weiter zum Wasserfall, der nächsten Station.
Schütt
Auf dem Weg dorthin fängt es an zu schütten – ein Wort, dass zufällig so klingt wie Wasserfall auf Französisch: „Chutes“ (sprich: Schütt)– fällt mir während der eintönigen Fahrt durch den Regen auf. Beim Wasserfall geht’s dann schnell, denn so gelassen die Kameruner auch sind, so schnell können sie bei Regen sein: Raus aus dem Auto, Zwischenstopp am Pavillon, zufällig ist Pierres Nichte auch da, Bonjour, weiter zum Wasserfall, obligatorische Fotos, wieder rauf, Zwischenstopp beim Pavillon, die Nichte nehmen wir mit zurück in die Stadt, also schnell ins Auto und Abfahrt.
Anschliessend bringt uns Pierre noch ins Hotel – diesmal mit fließend warmen Wasser und Internet umsonst. Ich machs kurz: Wasser ist kalt und ein Rinnsal – aber fließend und „Internet geht heute nicht“. Egal, wir haben keine andere Wahl und bleiben. Morgen treffen wir die anderen von Ascovime in Banganté für die nächste Kampagne.
| Daniela beim Wasserfall - es regnet daher muss alles schnell gehen |
Zwischenbilanz
Auch wenn die Schilderungen hier etwas sarkastisch klingen, so muss ich sagen: kleinere Rückschläge sind normal und darauf muss man gefasst sein. Daniela und ich sind jedenfalls schon daran gewöhnt, dass manche Dinge eben anders laufen als geplant. Die mangelnde Organisation wird durch große Freundlichkeit und Improvisation wettgemacht. Kurz: Wenn man flexibel ist, ist alles halb so wild, wie meine Schilderungen vielleicht für mitteleuropäische Ohren klingen.
Banjoun und Banganté
Wir schlafen lang. Das Programm der letzten Tage hat uns schon geschafft. Gegen Mittag müssen wir aus dem Zimmer und nehmen ein Mototaxi nach Banjoun. Wir wollen zur Chefferie – also dem Anwesen des örtlichen Chefs. Unser Mototaxifahrer versucht uns übers Ohr zu hauen – es sein extrem weit, kein Taxifahrer würde uns mitnehmen, weil die Straße zu schlecht sei und für umgerechnet sieben Euro sei sein Angebot ein Geschenk. Am Ende kommen wir mit dem richtigen Taxi auf einer Asphaltstraße für 1,20€ hin und haben immer noch das Gefühl für die paar hundert Meter zu viel gezahlt zu haben. Beider Chefferie der nächste Neppversuch, dem wir auch wieder gekonnt widerstehen. Dank Reiseführer kennen wir die Preise. Das Museum der Chefferie ist sehr westlich – wir sind beeindruckt. Draußen fällt mir an der großen Versammlungshütte eine Schnitzerei ins Auge – jemand scheint einen Kasten Bier auf den Schultern zu tragen – der Einfluss der deutschen Kolonialherren ist wirklich überall!
| Versammlungshütte der Chefferie in Banjoun. Rechts das Museum. |
| Ich weiss nicht ob ihr das anders seht, aber für mich trägt er eindeitig eine Kiste Bier! |
Weiter geht’s nach Banganté. Dort werden wir die anderen Treffen. Um eine weitere Taxipleite zu vermeiden stellen wir uns an die Straße und halten einen Bus an. Der Preis ist OK, viel Platz und schnell geht es diesmal auch – alles richtig gemacht. Wir steigen an der Hauptroute nach Yaoundé, bis zum Ortskern sind es noch 2 Kilometer, die wir laufen wollen. Ein paar „Blanc“ hupen uns an – ein seltener Anblick. Wie sich herausstellt sind es Franzosen, die für die Kirche arbeiten: Sie betätigen sich in einem Waisenhaus und in einer Schule. Foucault heißt der eine und hatte Anfang der Woche einen schweren Malaria Anfall und Würmer – jetzt sieht er wieder topfit aus und ist guter Dinge. So schlimm kann es also nicht sein, denke ich mir – Daniela macht sich Sorgen ob ihre Doxicyclin Prophylaxe eine gute Wahl war, denn bei Foucault hat es nicht soviel genützt. Wir werdens sehen …
Die beiden müssen weiter und wir schlagen die Zeit in einem Internetcafe tot. Wieder mal kommt der Ascovime-Tross später als geplant los. Wir erhalten einen Anruf und machen einen Treffpunkt aus. Alles klappt und gegen zehn Uhr erreichen wir gemeinsam mit den anderen
BACHINGOU
Mehr von dieser Kampagne bald an dieser Stelle: Mit dem Bericht von einer denkwürdigen Wandertour in die Kameruner Bergwelt incl. vieler Fotos – wenn ichs schaffe gibt’s das morgen!
Bis dahin, alles liebe und beste Grüße aus Kamerun!
Daniela & Sven
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